Der Seelenfütterer

Glauben (er)leben

Engelshaar

Er kommt nach der Arbeit nachhause. Wieder einmal ist es „später“ geworden. Wieder einmal musste er länger bleiben, weil das Arbeitspensum so hoch geworden ist, dass er es in der normalen Arbeitszeit nicht bewältigen konnte. Mit zunehmendem Alter und abnehmender Leitungsfähigkeit wächst jedoch die Anforderung immer weiter an. Früher hatte er gerne hier gearbeitet, doch mittlerer Weile schleppt er sich Tag für Tag zur Arbeit und hofft irgendwie den Tag zu überstehen.

Viele Jahre schon, er weiß nicht mehr genau wie viele, quält ihn der eine Gedanke:
Kann das Alles sein?

Gut, er hat eine Arbeit, die er zwar hasst, aber mit der er seine kleine Familie gerade so ernähren kann. Von einem Leben in Luxus, wie er es in den Medien immer wieder vor Augen geführt bekommt, ist er jedoch weit entfernt. Da liegen Welten dazwischen …

Immerhin, Sie haben sich ein kleines Reihenhaus gekauft.

So gibt er Monat für Monat und Jahr für Jahr einen großen Teil seines Verdienstes an die Bank ab.

12 Jahre sind es „nur noch“.

Dann ist das Haus abbezahlt,

dann beginnt sein richtiges Leben,

dann endlich, wird er sich und seiner Frau den lang ersehnten Fernurlaub leisten können.

Dann gibt es vielleicht sogar ein neues Auto, ja einen richtigen Neuwagen.

Dann wird er alles Verpasste nachholen,

dann beginnt er endlich zu leben.

Dann schmeißt er den verhassten Job hin und sucht sich etwas Neues.

Nur noch 12 Jahre dann …. , ja dann ist er 59 Jahre alt.

59 Jahre, wer soll ihn dann noch nehmen?

Erfahrung hat er, aber was ist das schon Wert?

Leistung ist gefragt, nichts als Leistung – doch genau die kann er nicht mehr erbringen.

Er fühlt sich ausgebrannt.

Schon jetzt, mit 47 Jahren, ist es fast unmöglich einen gleichwertigen Job zu bekommen.

Aber weniger verdienen geht nicht, das Haus muss doch abbezahlt werden …

Es wird einfach nicht besser … Ein Teufelskreis ist das …

 

Er öffnet die Tür des kleinen Schlüsselhäuschens und hängt seinen Schlüsselbund hinein. Es ist ein Andenken an seine Großmutter. Auf der Türe ist eine Szene aus der „Guten alten Zeit“ eingestickt. Eine Großfamilie sitzt an einem großen Tisch in einem prächtigen Garten. Ein Fest – eine Hochzeit vielleicht? Ja, denkt er, da waren noch Zeiten, da galt man als Mensch noch etwas …

Er zieht seine Jacke und Schuhe aus, zieht seine Hausschuhe an und geht in die Küche.

Niemand zuhause? Denkt er noch so bei sich, da fällt ihm eine dass seine Frau ja seit kurzem abends eine Stelle angenommen hat. „Wir kommen kaum über die Runden“ hatte sie gesagt. Er hatte ihr nicht widersprochen und nur still dagesessen.

Bald ist Weihnachten, das Fest der Freude. Weihnachtlich ist ihm jedoch nicht zu Mute, auch wenn in den Geschäften schon seit Monaten die Schokoladen-Weihnachtsmänner stehen.

Er kommt nach der Arbeit nach Hause, sehnt sich danach sein Herz auszuschütten, doch niemand ist da. Wieder einmal sagt er zu sich selbst: „Ich kann machen was ich will, es wir einfach nicht besser …“

Gedankenverloren sitzt er am Tisch und starrt still vor sich hin.

Plötzlich hört er wie der Schlüssel in die Wohnungstüre gesteckt und herumgedreht wird. Er erwacht aus seiner Lethargie und hebt den Blick.

Seine Augen fangen an zu leuchten, denn vor ihm steht … seine Tochter Conny.

 

„Hallo Paps! Da komm ich ja wohl genau richtig.“ Conny stellt sich vor ihren Vater und lächelt ihn an.

Fassungslos stammelt er: „Was machst du denn hier, ich denke du feierst Weihnachten bei dir zuhause in Sidney?“

Conny war vor zwei Jahren mit Ihrem australischen Mann in die Nähe von Sidney gezogen, um dort mit ihm auf der Farm seiner Familie ihren Traum zu leben.

„ Das hatten wir auch vor, aber ich hatte mit Mutter telefoniert und was sie mir über dich und deinen augenblicklichen Zustand erzählt hat, ließ mir keine Ruhe mehr. Als wir dann am Sonntag in der Kirche waren, hörten wir eine Geschichte, die uns letztlich veranlasst hatte unsere Pläne zu ändern.“

„Eine Geschichte? Welche Geschichte konnte dich veranlassen um den halben Erdball zu reisen, um zu mir zu kommen?“

„Es ging um einen Abschnitt aus dem Buch Hiob, den ich dir mitgebracht habe.“

Sie setzte sich zu ihm, faltete ein Blatt Papier auf und las:

(Hiob,6 8-13)

Könnte meine Bitte doch geschehen und Gott mir geben, was ich hoffe! Dass mich doch Gott erschlagen wollte und seine Hand ausstreckte und mir den Lebensfaden abschnitte! So hätte ich noch diesen Trost und wollte fröhlich springen - ob auch der Schmerz mich quält ohne Erbarmen -, dass ich nicht verleugnet habe die Worte des Heiligen. Was ist meine Kraft, dass ich ausharren könnte; und welches Ende wartet auf mich, dass ich geduldig sein sollte? Ist doch meine Kraft nicht aus Stein und mein Fleisch nicht aus Erz. Hab ich denn keine Hilfe mehr, und gibt es keinen Rat mehr für mich?

Nach einer kurzen Zeit der Stille, blicke sie zu ihrem Vater auf und sah dass er Tränen in den Augen hatte.

Sie erhob sich, ging um den Tisch herum und schloss ihren Vater in die Arme.

Beide hielten sich eine Weile fest und als Conny ihren Kopf nach hinten warf, um ihren Vater anzusehen, berührten ihre langen Haare seine Hände ….

… und ihm war, als spürte er …  Engelshaar.